Interview

Appell an Patienten: Wirksame und verträgliche Biologika-Therapie während der Corona-Pandemie fortführen

Ein Interview mit Professor Dr. Karl-Christian Bergmann von der Charité Berlin zum Thema Covid-19 und die Auswirkungen auf die Therapie von Menschen mit schwerem Asthma.

Portrait Karl-Christian Bergmann

Welche Erfahrungen machen Sie während der Corona-Pandemie mit Patienten, die an schwerem Asthma leiden?

Prof. Bergmann: „Wir beobachten insbesondere, dass bei Patienten mit Asthma große Ängste und Sorgen bestehen. Sie fürchten ein höheres Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren bzw. im Falle einer COVID-19-Erkrankung einen schlechteren Verlauf zu nehmen. Außerdem besteht Unsicherheit darüber, ob die aktuelle Medikation fortgeführt werden soll. Etwa die Hälfte unserer Patienten versuchte während der Hochinzidenzphase unsere Ambulanz aus Angst vor einer Ansteckung zu meiden. Wir haben daher einen erheblichen Teil unserer Ambulanz per Telefon absolviert. Es war interessant zu sehen, wie gut das funktioniert – beispielsweise, wenn die Patienten zu Hause über ein Peak-Flow-Meter verfügen oder Fragebögen ausfüllen, die wir Ihnen geschickt haben. Bei einigen wenigen Patienten, die aus Angst gar nicht gekommen sind und auch keinen Kontakt mit uns aufgenommen haben, zeigt sich das jetzt zum Teil an einer sehr schlechten Lungenfunktion.“

Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen, die Kollegen in aller Welt machen?

Prof. Bergmann: „Ich arbeite seit einigen Jahren ein- bis zweimal im Jahr in einer Klinik in Peking. Eine chinesische Kollegin war direkt zu Beginn der Pandemie in Wuhan und wir haben uns regelmäßig ausgetauscht. Auch wenn vieles nicht zu vergleichen ist, war auch in Wuhan Angst ein wesentliches Thema – insbesondere bei jenen – wenigen - Asthmapatienten, die an COVID-19 erkrankt waren. Anfangs gab es außerdem widersprüchliche Meldungen zur Rolle von Eosinophilen und Lymphozyten bei COVID-19. Heute wissen wir aber sehr viel mehr. So ist jetzt klar, dass Störungen der Blutgerinnung – also Thrombenbildungen – und Endothelschäden ein besonderer Risikofaktor sind.“

Was ist aktuell Ihre größte Herausforderung als Pneumologe?

Prof. Bergmann: „Es ist schwierig, den Patienten den Spagat zwischen ruhig und gleichzeitig wachsam bleiben zu vermitteln. So sollten Asthmapatienten trotz der in Deutschland herrschenden scheinbaren Entspannung ihre Therapie sorgfältig fortführen. Denn bei einer schlechten Lungenfunktion ist das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung natürlich höher als bei einer annähernd normalen Lungenkapazität.“

Welchen Einfluss hat die aktuelle Situation auf Ihre Therapieentscheidungen bei Patienten mit schwerem Asthma?

Prof. Bergmann: „Auf die antiasthmatische Therapie selbst hat die Pandemie eher einen geringen Einfluss. Aber man hinterfragt natürlich noch mehr als ohnehin, ob ein orales Kortikosteroid wirklich nötig ist. Mehr Einfluss hat die Pandemie dagegen im diagnostischen Bereich. So prüfen wir häufiger die Endothelfunktionen und die Blutgerinnung der Patienten. Außerdem gilt es, den Impfstatus der Patienten zu überprüfen. Die Impfungen gegen Influenza, Pneumokokken und Pertussis sind nach wie vor wichtig.“

Welche Rolle spielen Kortikosteroide in Zeiten der Corona-Pandemie für Sie?

Prof. Bergmann: „Man muss an dieser Stelle deutlich zwischen oralen und inhalativen Steroiden differenzieren. Orale Kortikosteroide sind Immunsuppressiva, die das Risiko der Patienten für eine SARSCoV- 2-Infektion und einen schweren Verlauf von COVID-19 möglicherweise erhöhen. Dies gilt nicht für inhalative Steroide. Bei Patienten, die weitere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Diabetes haben, sollte ganz besonders intensiv hinterfragt werden, ob und in welcher Dosierung orale Kortikosteroide notwendig sind.“

Wie geht es weiter? Haben Biologika in der Therapie des schweren Asthmas jetzt eine andere Bedeutung?

Prof. Bergmann: „Wenn man annimmt, dass wir im Herbst eine zweite Welle an COVID-19 bekommen, gilt es jetzt, die Patienten so gut wie möglich einzustellen. Mit Blick auf relevante Risikofaktoren bei COVID-19 und in Bezug auf Zellpopulationen muss man weitere Forschungsdaten abwarten. Außerdem appellieren wir an all unsere Patienten, ihre wirksamen und verträglichen Biologika- Therapien fortzuführen. Bei Patienten mit schwerem unkontrolliertem Asthma, die noch nicht auf ein Biologikum eingestellt sind oder trotz einer Biologika-Therapie nicht ausreichend kontrolliert sind, empfiehlt es sich noch einmal genauer hinzusehen. Diese Patienten könnten bei der Einstellung auf das richtige Biologikum nicht nur von einer besseren Asthmakontrolle profitieren – auch die Lungenfunktion kann verbessert und gleichzeitig orale Kortikosteroide reduziert werden.“

Vielen Dank für das Gespräch!

MAT-DE-2000947v1.0 (07/2020)